lehrstellen

Susanne Egloff, Gabriela Wehrli, Simone Stephan

Waldkindergarten – das Pilotprojekt in Böju

Text und Bild: Eing.

Aufgrund grossen Jahrgangs für den Kindergartenstart im Schuljahr 2021/22 in der Gemeinde Beinwil am See, hat die Schulführung gemeinsam mit der Gemeinde kurzentschlossen nach einer praktischen und innovativen Lösung gesucht, damit die Kindergartenklassen nicht aus allen Nähten platzen. Entstanden ist der Naturkindergarten Böju. Ein Bericht aus dem Alltag …

Unter strahlend blauem Himmel besammeln sich die Waldkindergartenkinder um 8.05 Uhr auf dem Schulhausplatz beim Gemeindeschulhaus in Böju. Gemeinsam geht’s dem Wald entgegen, ein Fussmarsch von ca. 25 Minuten auf dem Vieles zu entdecken ist. Zunächst gehen wir der Hauptstrasse entlang, die auch zu überqueren ist – ein tägliches Üben im Umgang mit dem Strassenverkehr. Langsam geht der Weg über ins Quartier, übers Feld und dann zum Wald. Während der Zeit seit dem Start im August durften wir schon viele schöne Begegnungen machen: Bei der Baustelle eines Schwimmteichs verfolgen wir den Verlauf, täglich besuchen wir die Seidenhühner und schauen den Jungen beim Wachsen zu, wir durften Raupen in ganz unterschiedlichen Stadien besichtigen, Vögel zwitschern und Laufenten schnattern uns guten Morgen, Blumen und Hecken blühen und verleiten uns zum Staunen und Riechen und bei einem Garten dürfen wir frische Äpfel pflücken für das Znüni. Ein reichhaltiges Angebot, das unser Weg gestaltet und uns ganz nebenbei viel lehrt und erleben lässt.

Bei der Esteracherhütte gibt’s eine Trinkpause, denn ein langer Marsch macht durstig und uns entgeht nicht, dass heute der See ganz besonders hell glitzert – immer wieder aufs Neue staunen wir, was das Wetter uns für ein Bild zaubert. Sonne, verschiedene Wolkenarten, Nebel … vieles davon haben wir schon kennen gelernt. Der Schopf auf dem Parkplatz dient uns auch als Materiallager, gedeckter Arbeitsplatz und Schutzort bei Nässe und Sturm. Heute aber wollen wir unter das kühlende grüne Blätterdach schlüpfen. Singend begrüssen wir den Wald und seine Bewohner und besammeln uns im Waldsofa. Auch Wurzelina ist mit dabei. Wie jeden Morgen kommt sie im Waldrucksack mit und die kleine Waldfrau hat allerlei im Kopf: Mal zaubert sie einen Schatz hervor, zeigt im Wald ein Versteck, erzählt von ihren Waldfreunden oder bringt ein Rätsel für die Kinder mit, das zu lösen ist. Sie ist eine quirlige und lustige kleine Frau und für die Kinder nicht mehr wegzudenken. Gerne beschenken sie ihre neue Freundin, erzählen ihr Geschichten und sind gerne bereit ihr zu helfen, wenn sie Hilfe benötigt. Auch zeigen sie ihr gerne ihre Fundstücke oder neue Fähig- und Fertigkeiten wie zum Beispiel das Schuhebinden oder einen neuen Knoten, den sie mit dem Seil geübt haben.

Der Holunder mit seinen schwarzen Beeren hat uns bereits einige Tage in seinen Bann gezogen: Viele Beerendolden haben wir gesammelt, die kleinen Beeren untersucht, damit Farbe hergestellt und gemalt, gekritzelt und geschrieben. Wir haben auch entdeckt, dass das Gehölz des Strauches ganz besonders geschaffen ist, haben damit ein Amulett gefädelt und mit den Beeren Konfi hergestellt. Was aber hat heute Wurzelina für zwei Flaschen mitgebracht? Und warum hat sie einen so viollett verschmierten Mund? Natürlich, die Kinder erraten es bald: Holundersaft … mmmh! Eifrig wird selber geschmeckt und gerne nachgeschenkt. Auch der Holunderblütensirup, den schon viele kennen, wird gekostet. Erkenne ich den Geschmack, wenn ich die Augen dazu schliesse? Wie schauen die beiden Säfte im Vergleich aus und wie schmecken sie auf der Zunge? Zum reichhaltigen Znüni aus dem Rucksack darf heute ein Holunderkonfibrot gestrichen werden – sie ist selber gemacht, jedes Waldkind hat Beeren dafür gezupft.

Während sich eine Gruppe Kinder der Bearbeitung der Holunderstrauchäste mit verschiedenem Werkzeug widmet, erobert sich die andere Gruppe den Waldplatz. Seit dem Sommer haben sich hier verschiedene Spiel- und Arbeitsplätze entwickelt: Eine Wippe, ein Kletterseil, eine Waldküche, ein Steinhügel und ein Schlammloch, auch eine Feuerstelle ist erstellt und bald soll die moosbewachsene Wurzel zum Spielort für die «Kleine Welt» belebt werden. Bei all diesen Orten gestalten und entwickeln die Kinder mit – es ist ihr Kindergarten.
Um 11.30 Uhr machen sich die Kinder wieder auf den Heimweg.

Das Team hinter dem Naturkindergarten sind drei erfahrene Frauen, für die der Wald als Lernort eine Herzensangelegenheit ist. «Einen Waldkindergarten auf die Beine zu stellen, braucht in der Regel ein Jahr – so viel Zeit hatten wir aber nicht. Also haben wir Vollgas gegeben!», meint Gabriela Wehrli, die erfahrene Naturpädagogin, denn sie hat vor zehn Jahren im Glarnerland bereits ihren ersten Waldkindergarten entwickelt. Die zweite im Bunde ist Simone Stephan, viele Jahre als Kindergärtnerin und Theaterpädagogin tätig und interessiert an der Herausforderung, den Unterricht in die Natur zu verlegen und diese für den Lernprozess der Kinder zu nutzen. Im Wald unabdingbar ist auch die Assistentin Susanne Egloff; sie ist gelernte Floristin, FaBe und war mehrere Jahre in der Waldspielgruppe tätig. «Dass Susanne uns fünf Tage die Woche begleiten kann und so viel Erfahrung mitbringt, ist eine grossartige Bereicherung», sind sich Simone Stephan und Gabriela Wehrli einig.

Der Naturkindergarten ist der Volksschule untergestellt und erfüllt die gleichen Vorgaben wie die «Hüslikindergärten», wie die Waldkinder den Kindergarten drinnen zu nennen pflegen. Auch findet ein reger Austausch und eine intensive Zusammenarbeit im gesamten Kindergartenteam Böju statt. Der Waldkindergarten steht – und gleichzeitig befindet er sich in der Entwicklung. Dank dem Interesse und Vertrauen einiger Familien, der guten Zusammenarbeit mit Forst, Werkdienst und Gemeinde und dem grossen Engagement der Schule und dem Waldkindergartenteam kann der Naturkindergarten seinen Weg gehen und wachsen – so wie die Waldkinder in ihrer ganzen Persönlichkeit.

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