Druckschluss: 1. Mittwoch des Monats, 08.00 Uhr

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Anne Garti  / pixelio.de

Beat Riedweg: Müssen Kinder in die Schule?

Text: Eing.
Bild: Symbolbild, Anne Garti / pixelio.de

Nachdem unser Sohn die Schule immer wieder verweigerte, wird ihm in der Notaufnahme NAU in Utenberg Disziplin beigebracht. Ich möchte mit diesem Schreiben meine Gedanken und Gefühle dieses kräfteraubenden Prozesses darlegen.

Alle Kinder gehen bei uns zur Schule. Das war schon vor rund 30 Jahren so, als ich noch selber die Schulbank drückte. Sogar meine Eltern gingen immer zur Schule – es war einfach selbstverständlich. Klar hatte auch ich nicht immer Lust, in die Schule zu gehen. Trotzdem ging ich einfach. Ich wusste ja auch, dass mir nichts passieren kann, da die Zeiten der Blossstellung und Gewaltanwendung in der Schule der Vergangenheit angehörte. Ich ging einfach, weil es alle so machten. Und natürlich ging ich auch, um meine «Gspänli» zu treffen und Spass zu haben.

So ähnlich erging es auch unserem Sohn. Er hatte zwar schon im Kindergarten Mühe, regelmässig zum Unterricht zu gehen. Mit unserer Hilfe schaffte er es aber immer. So besuchte er die ersten Schulklassen, lernte Lesen, Schreiben, Rechnen, Werken usw., beeindruckte seine Mitschüler/-innen und Lehrer durch seine Ausdauer im Malen und war bei allen sehr beliebt. Er hatte trotz seiner zurückhaltenden Art sehr gute Schulfreunde. Doch irgendetwas im Kopf oder im Herz unseres Sohnes schaffte es immer wieder, ihm einzuflössen, nicht in die Schule gehen zu wollen.

Was denken Sie, was passiert, wenn ein Kind nicht selber in die Schule geht und weder durch ihre Eltern, noch durch die Lehrer dazu zu bewegen ist, sich und seinen Schulranzen in Richtung Schule zu bewegen? Kommt einem da die Polizei zur Hilfe? Darf da jemand körperliche Gewalt anwenden? Muss es mit sprachlicher Gewalt einfach gehen? Kommt der Junge ins Gefängnis? Oder etwa seine Eltern? All diese Sachen sind in der heutigen Zeit nicht erlaubt (zum Glück)! Nur für unseren Jungen kam das gerade recht, als er merkte, dass eigentlich ja gar nichts passiert, wenn er nicht in die Schule geht.

Nun, passiert ist schon etwas. Während die Erwachsenen während Monaten hin und her diskutierten, mit dem Jungen Abklärungen machten, hilflos der Tatsache ins Auge schauten, blickten die Augen unseres Sohnes immer leerer aus dem heranwachsenden Körper hinaus. Seine Hobbys verblassten und Zuflucht fand er in der virtuellen Welt.

Wir Erwachsenen brauchten ca. 1 Jahr um entscheiden zu können, unseren Sohn in die Notaufnahme NAU in Utenberg zu schicken. Die NAU bietet Jugendlichen für max. 3 Monate die Möglichkeit, in betreutem Wohnen/Freizeit und einer hauseigenen kleinen Schule, Lösungen aufzuzeigen für eine Wiedereingliederung in Schule, Beruf oder Sozialem.

Als unser Sohn nach ca. 10 Tagen das erste mal wieder nach Hause durfte, sah man seinem Verhalten an, dass seine innere Leere schon nicht mehr so leer war. Das zweite Wochenende kam ein strahlender Junge nach Hause – und am Sonntagabend, nachdem sich das «alte Muster» schon am Nachmittag etwas bemerkbar gemacht hatte, war es uns unmöglich, ihn im NAU wieder abzuladen. So kam er wieder mit uns nach Hause ... dies war vor zwei Wochen. Inzwischen war er die zu absolvierende Zeit wieder im NAU, aber nur, weil er nicht von der Polizei gesucht werden will bzw. durch die Polizei ins NAU gebracht werden will.

Wir Erwachsenen sind nun wieder am Diskutieren und sind uns einig, dass es für unseren Sohn wichtig ist, gesetzliche Tatsachen akzeptieren zu lernen.

Mir selber macht das ganze etwas Angst: Was wäre, wenn nun plötzlich die meisten Kinder finden, sie möchten nicht mehr zur Schule? Und dies anfangen durchzusetzen? Nun ja, die Menschen und unsere Gesellschaft entwickelt sich und auch die Schule hat sich zu entwickeln. Denn diese Tendenz ist da, dass es immer mehr Kinder gibt, denen es in der Schule nicht wohl ist. Ich habe auch den Eindruck, dass die meisten Kinder ab einem bestimmten Zeitpunkt nicht mehr gerne in die Schule gehen, es also eine Art „Müssen“ wird. Es kann auch sein, dass die Eltern sich den Kindern gegenüber zuwenig durchsetzen können. Es ist ja ganz normal, dass Kinder Grenzen bzw. einen klaren Rahmen brauchen und spüren wollen. Ich kann von mir nicht behaupten, dass ich ein sehr strenger Vater bin. Ich habe meine Linie und die setze ich durch. Daneben ist mir aber der Freiraum, in dem die Kinder sich entfalten können, sehr wichtig.

Fakt ist, dass das Verhalten unseres Sohnes sich schleichend verstärkte. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er nur mal schauen wollte, was passiere, wenn er nicht zur Schule geht. Klar wurde daraus ein Machtkampf. Nur der Ursprung liegt irgendwo in ihm drinnen verborgen.

Aus meinem Erlebten heraus wünsche ich mir, dass sich die Volksschule in Zukunft zu einem Ort entwickelt, in dem die Bedürfnisse der Kinder im Mittelpunkt stehen. Durch die Individualisierung der Gesellschaft und auch der Kinder braucht es eine Schule, die individuell auf die Kinder eingehen kann. Wie zum Beispiel an unserer Schule die Basisstufe, die seit ein paar Jahren sich am entwickeln ist. Ich finde, die Basisstufe ist ein wichtiger Schritt zur «kindgerechten» Schule. Ich bin überzeugt, dass die Disziplin, die unserem Jungen nun (hoffentlich) beigebracht wird, in jedem Kind freiwillig drin steckt, wenn es genügend Freiräume hat, um in sich individuelle «Ziele» zu entwickeln.

Beat Riedweg