Drucktermin: 1. Mittwoch des Monats, 06.00 Uhr

Der schönste Beruf der Welt

Bild: zvg

Der Arztberuf ist ein schöner Beruf. Ich sage immer, ich habe den schönsten Beruf der Welt. Das war immer so und das wird so bleiben. Was aber Zeitmangel, extensive Arbeitszeiten und immer höher werdende Patientenerwartungen nicht geschafft haben, nämlich mir teilweise den Spass an meinem Beruf zu nehmen, schafft nun: DIE BÜROKRATIE.

Habe ich teilweise vor acht Jahren, als ich mich selbständig machte, noch pro Patient und Krankheitsfall EINE Anfrage der Krankenkasse, ist es nun teilweise pro Konsultation EINE.

Das heisst, ich investiere häufig die gleiche Zeit, die ich für die Patientenversorgung in der Praxis habe, um meiner bürokratischen Pflicht gegenüber den Versicherungen nachzukommen. Darin besteht dann die Abend- und Wochenendarbeit eines jeden Arztes, sei er nun Hausarzt oder Spezialist.

Im Spital wenden Ärzte und Pflegepersonal inzwischen einen grossen Teil ihrer Zeit nur für Dokumentation und bürokratische vermeintliche Notwendigkeiten auf, sodass für die Patientenversorgung immer weniger Raum bleibt.

Für die Dokumentation einer Notfallbehandlung im Spital muss sicherlich inzwischen deutlich mehr Zeit aufgewendet werden wie für die Behandlung selbst. Ich wende mich nicht gegen eine normale und notwendige Dokumentation der Patientengeschichte. Diese macht Sinn und ist unbedingt notwendig, um Informationsverluste zu vermeiden. Der «Dokumentationswut», wie sie heute von den Krankenkassen und Unfallversicherungen teilweise gefordert wird, ist jedoch entschieden entgegenzutreten.

Dies hat nun Ausmasse angenommen, die für das gesamte System nicht mehr tragbar sind. Letztendlich leidet der Patient unter dem Zeitdruck der Ärzte. Nicht nur, aber auch aus diesem Grund kommt es zu Wartezeiten und unnötigen Verzögerungen.

Spitäler, Ärztevertreter und Krankenkassen müssen sich endlich an einen Tisch setzen, um Lösungen zu finden. Dies ist im Kanton Zürich schon einmal versucht worden, leider nicht mit der notwendigen Nachhaltigkeit und nur unter Beteiligung von wenigen Kassen.

Es bleibt zu hoffen, dass der wohl auch in anderen Berufssparten zunehmende Dokumentationsdruck auf ein dem gesunden Menschenverstand entsprechendes Mass zurückgefahren wird.

 

Dr. Michael Kettenring

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