
Die Intelligenz der Vögel
- Text und Bild: Ernst Hofmann, Unterkulm
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Dass Vögel als intelligent gelten, war nicht immer so. Dummköpfe sollen ein Spatzenhirn haben. Bei weiblichem Geschlecht nannte man sie «dummes Huhn» oder «dumme Gans». Eine herzlose Mutter galt als Rabenmutter.
Leider hat die Hirnforschung lange Zeit dieser Fehleinschätzung nicht widersprochen, da das Vogelgehirn zu klein und bloss wie ein unstrukturierter Klumpen Nervenzellen aussah. Seit einigen Jahrzehnten hat die Hirnforschung festgestellt, dass das Gehirn der Vögel ganz anders aufgebaut ist als dasjenige der Säugetiere. Die Nervenzellen sind viel direkter und dichter miteinander verbunden und entsprechend schneller geht die Reizweiterleitung. Diese Optimierung ist für das Fliegen vorteilhaft. Damit können die Vögel mit dem hochvernetzten Steuerungsorgan geistige Leistungen erbringen, die jenen von Säugern, sogar Menschenaffen, nicht nachstehen.
Zwei Gruppen tun sich dabei besonders hervor, einerseits die Papageien und anderseits die Singvögel, unter diesen besonders die Rabenvögel, die trotz ihren krächzenden Lauten auch zu den Singvögeln zählen. Saatkrähen durchschauen sogar physikalische Gesetzmässigkeiten. Da gibt es welche, die Steine in einen Behälter werfen, um den Wasserspiegel zu erhöhen, um dann den darauf treibenden Wurm erreichen zu können. Auch Werkzeuge selbst zu fertigen, erstaunt. Neukaledonische Gradschnabelkrähen verstehen es aus gezähnten Blättern ein Werkzeug zu fertigen, um Insekten aus Ritzen zu angeln. Eine zahme, handaufgezogene Elster, namens Gerti, wurde von Forschern vor einen Spiegel in einen Käfig gesetzt. Auf die Kehle des Vogels wurde ein gelber Punkt geklebt, sodass sie diesen nicht sehen konnte. Als sie sich im Spiegel sah, stutzte sie und besah sich genau. Plötzlich bemerkte sie den gelben Fleck und versuchte ihn vehement abzuschütteln. Aber es gelang nicht von Anhieb an, auch nicht mit dem Schnabel. Erst mit dem Fuss und Krallen war sie wieder unbefleckt. Dieses Experiment zeigte den Forschern, dass Gerti ihr Spiegelbild mit dem eigenen Körper identifizierte, als ob sie ein eigenes Körperbewusstsein hat.
Vögel sind auch durch und durch soziale Tiere. Sie können für ihre Artgenossen unterschiedliche Rollen einnehmen. So kümmern sich Elstern gemeinschaftlich um die Brut und vertreiben vereint Beutegreifer. Manche Rabenvögel und Papageien kooperieren nicht nur, wenn sie etwas davon haben. Sie helfen sogar ohne Gewinn. Bei Vögeln scheint die Brutpflege die massgebliche Rolle zu spielen: Arten, die kooperativ brüten, sind grosszügiger, ebenso die, die in Kolonien leben und regelmässig zusammenleben. Das Beeindruckendste an allen Singvögel und Papageien ist ihre Kommunikation, insbesondere der Gesang. Vögel geben schon als Jungtiere Laute von sich, bevor sie richtig singen können. Der Gesang ist nicht angeboren, sondern muss wie beim Menschen gelernt werden. Dabei gibt es eine kritische Phase (je nach Vogelart) für den Lernprozess. Während dieser empfänglichen Zeitspanne lauschen die Jungen aufmerksam auf den Gesang und die Rufe der Eltern und lernen durch fleissiges Üben, dasselbe hervorzubringen. Wird ein Buchfink isoliert, sodass er als Jungtier in der kritischen Phase keinen elterlichen Gesang mitbekommt, so fehlt sein typischer Gesang zeitlebens. Ausnahmen bilden Kanarienvögel, die auch als erwachsene Vögel neue Gesangselemente dazulernen können.
Die Forscherin Irene Pepperberg hatte einen Graupapagei, mit Namen Alex, sprechen gelernt. Alex erwarb einen Wortschatz von mehr als 100 Wörtern, die er bedeutungsgemäss einsetzen konnte. Er verstand Fragen und beantwortete sie zutreffend und konnte die Anzahl von farbigen Klötzen bis acht bestimmen. Bis heute ist noch keiner der weiteren trainierten Graupapageien zum Dolmetscher zwischen Menschen und Tier geworden.
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